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Ist das Turiner Grabtuch echt?

  • Prof. Heinz Oberhummer
  • 11.04.10, 00:00 Uhr

Als Turiner Grabtuch wird ein Leinentuch bezeichnet, das heute im Turiner Dom aufbewahrt wird und angeblich den Leichnam Jesu von Nazareth umhüllte. Das Tuch hat eine Größe von 1,10 m x 4,36 m und trägt den Abdruck eines männlichen Körpers. Es soll sich dabei angeblich um ein Abbild Jesu handeln, das sich dem Leinen aufgeprägt hat.

Turiner Grabtuch Vom 10. April bis 23. Mai des Jahres soll das Geschäft mit dem Turiner Grabtuch wieder einmal aufleben. Das Turiner Grabtuch wird erstmals seit zehn Jahren wieder öffentlich im Turiner Dom ausgestellt. Etwa 3 Millionen Pilger werden erwartet. Da darf auch eine Pilgergruppe aus Wien mit Kardinal Christoph Schönborn an der Spitze nicht fehlen. Und auch Papst Benedikt XVI wird extra nach Turin reisen.

Die Radiokohlenstoff- oder C14-Datierung

Die weitaus beste und modernste Methode zur Altersbestimmung von Lebewesen ist die Radiokohlenstoff- oder C14-Datierung. Der zeitliche Anwendungsbereich für diese Methode liegt zwischen 300 und 60.000 Jahren.

Das extrem seltene Kohlenstoff-Atom C14 wird bei Zusammenstößen von der aus dem Weltraum kommenden kosmischen Strahlung mit Stickstoffatomen der Luft gebildet. Pflanzen nehmen das radioaktive C14 mit dem Kohlendioxid während ihres Lebens auf. Wenn jedoch die Pflanze stirbt, wird kein neues C14 mehr aus der Luft aufgenommen. Das C14 zerfällt nun in der Pflanze mit einer Halbwertszeit von 5380 Jahren und wird immer weniger. Das heißt nach 5380 Jahren ist dann nur mehr die Hälfte der C14-Menge als wie beim Tod der Pflanze vorhanden. Das gleiche gilt für Tiere oder Menschen, die sich ja von Pflanzen ernähren. Man kann auf diese Weise das Alter von Lebewesen hervorragend bestimmen. Z.B. das Alter des Eismanns Ötzi, der auf 5250 Jahre mit einem Fehler von etwa 100 Jahren geschätzt wurde.

Wie alt ist das Turiner Grabtuch?

Tatsächlich wurde eine einzige wissenschaftliche C14-Datierung des Turiner Grabtuchs im Jahr 1988 durch die Universitäten Oxford, Zürich und Arizona durchgeführt. Damals war das eindeutige Resultat, dass der wahrscheinlichste Entstehungszeitraum des Tuches zwischen 1260 und 1390 liegt. Aber Befürworter der Echtheit des Tuches werden nicht müde, dieses Testergebnis anzuzweifeln. Sie führen alle möglichen Argumente ins Treffen, vor allem die aus ihrer Sicht falsche Datierung auf Verunreinigungen des Tuchs durch Pilze und Mikroben, Verschmutzung, Brandspuren und Löschwasser oder schlicht Probenentnahmen an den falschen Stellen des Tuches zurück.

Für die C14-Datierung genügen schon einige Milligramm, mit heutigen Präzisionsmethoden sogar nur wenige Mikrogramm Kohlenstoff um das Alter festzustellen. Ein winziger Tuchrest wird dabei mit einem so genannten Beschleuniger-Massenspektrometer untersucht. In nur wenigen Monaten kann auf diese Weise durch Messung des C14-Gehalts das Alter des Tuchs bis auf weniger als ein Jahrhundert genau bestimmt und heraus gefunden werden, ob es eine Fälschung ist oder nicht.

Vertuschen und Verheimlichen

Barbo Baberis ist Direktor des pseudo-wissenschaftlichen Internationalen Zentrums für „Sindonologie“ (von griech. sindone, Stoffstück bzw. Grabtuch) in Turin. Als Direktor dieses Zentrums koordiniert Barberis alle Untersuchungen des Turiner Grabtuchs und berät daneben den jeweiligen Turiner Erzbischof, der als Vertreter des Papstes das Amt eines Kustos des berühmten Tuches inne hat. Er hält es aus rein historischer Sicht für gut möglich, dass dieses Tuch keine Fälschung und wirklich jenes Tuch ist, in das Jesus nach seiner Hinrichtung gelegt wurde.

Was ist nun mit der einzigen bisherigen C14-Datierung aus dem Jahre 1988? Baberis behauptet, dass die Probe damals ja nur an einer einzigen und nicht gut geeigneten Stelle genommen wurde. Proben von verschiedenen Stellen wurden nämlich schon damals von der katholischen Kirche untersagt. In den seither vergangenen 22 Jahren hat die Kirche nichts unternommen, um eine weitere C14-Datierung durchführen zu lassen, obwohl Angebote von renommierten europäischen Forschungsinstitutionen vorlagen. Entweder wurden solche Schreiben vom Vatikan nicht einmal beantwortet oder die Antragsteller wurden auf irgendeinen späteren Zeitpunkt vertröstet. Wie gehabt, vertuschen und verheimlichen, so lange es nur irgendwie geht.

Kardinal Schönborn ist sich sogar ganz sicher, dass das Tuch aus dem 1. Jahrhundert stammt. Und hat auch gleich eine wirklich skurrile Erklärung für das Bild auf dem Turiner Grabtuch bereit: "Es ist keine Malerei. Es muss durch eine ganz kurze, sehr starke Hitzeeinwirkung in den Stoff eingebrannt worden sein. Könnte es der Moment der Auferstehung Jesu gewesen sein?" (Tageszeitung Heute vom 9.4.2010: Antworten von Kardinal Christoph Schönborn). Quasi die Schmauchspuren als Jesus raketengleich aus dem Grab gedüst ist.

Auferstehung Christi Mathis Gothart Grünewald, Auferstehung, 1512-1516

Fazit

Warum hat sich die Kirche geweigert über 20 Jahre das Turiner Grabtuch nochmals wissenschaftlich mittels C14-Datierung untersuchen zu lassen? Hat man in der Kirche Angst, weil man mit dieser Methode schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht hat? Oder fürchtet man, dass dadurch endgültig die Wahrheit ans Licht kommen könnte und heraus kommt, dass es eine Fälschung ist? Und damit Jahrhunderte lang die Pilger an der Nase herum geführt wurden? Und in Zukunft das Geschäft mit den Pilgern nicht mehr weiter blühen kann?

Barberis behauptet, dass eventuell schon nächstes Jahr neue Arbeiten in der Richtung einer Untersuchung mittels der C14-Datierung beginnen könnten. Doch er schränkt sogleich ein, dass das Tuch ja dem Heiligen Stuhl gehört und nur dort über den Fortgang der Untersuchungen entschieden wird. Der Vatikan wird aber wohl die Aufklärung über das Grabtuch von Turin in bewährter Manier, so lange es nur irgendwie möglich ist, hinauszögern und weiter versuchen die Wahrheit über dieses Tuch ja nicht ans Licht kommen zu lassen.

Podcast der Science Busters zum Grabtuch von Turin

Links

Interview mit Bruno Barberis, Stern, 2010
Das Turiner Grabtuch im „Stern“; GWUP, 2010
Reliquie, Ikone oder Machwerk?, Wiener Zeitung, 2010