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Top Kill, Top Cap, Bottom Kill oder Nuclear Kill?

  • Prof. Heinz Oberhummer
  • 07.06.10, 00:00 Uhr

Aktualisierung: 19. Juli 2010:

„Bottom Kill“, wohl die letzte Hoffnung außer "Nuclear Kill" (siehe unten) das leckgeschlagene Bohrloch mit zwei Entlastungsbohrungen vom Meeresgrund aus seitlich schräg anzubohren, um es dann mit Schlamm und Beton zu verschließen, ist riskant. Es ist besonders schwierig mit solchen Bohrungen genau das außer Kontrolle geratene Bohrloch zu finden. Man muss nämlich 3500 Meter unter dem Meeresgrund ein Bohrloch von etwa 18 Zentimeter Durchmesser treffen. Dieses beim ersten Versuch zu schaffen ist wie ein Lotteriegewinn. Im schlimmsten Fall würde sogar mehr Öl austreten als zuvor, weil das Feld erneut angebohrt werde könnte. Man hätte es plötzlich mit zwei Lecks zu tun und das Problem würde sich verdoppeln. Trotz der Hindernisse sind sich die meisten Bohrgeologen allerdings einig: Am Ende sollte BP mit der Methode Erfolg haben. Allerdings könnte noch bis zum Ende dieses Jahres das Öl noch weitersprudeln. Erschwerend kommt dazu, dass die Hurrikansaison gerade beginnt, die nach den Voraussagen heuer besonders intensiv sein wird.

Am 20. April 2010 kam es auf der Ölbohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko zu einer Explosion, in deren Folge die Plattform zwei Tage später sank. Zum Unglückszeitpunkt befand sich die Bohrinsel in 1500 m tiefem Wasser und hatte eine 5500 m tief in den Boden reichende Bohrung fast fertig gestellt. Seit dem Unglück strömt ungehindert Öl vom dem Leck im Meeresboden aus. Eine Hauptursache war, dass der hunderte Tonnen schwere Abdichtkopf (Blowout-Preventer) nicht funktionierte. Dieser befindet sich unmittelbar über dem Bohrloch und soll im Falle eines plötzlichen Überdrucks das Bohrloch sehr schnell abdichten.

Oil_spill

Das Öl sprudelt nach wie vor aus dem Bohrloch im Golf von Mexiko

Ein Fass ohne Boden

Man versucht seither der Ölflut und Ölpest Herr zu werden. Man muss das Bohrloch irgendwie eindämmen, denn es wird nicht so schnell versiegen. Das gefundene Tiber-Ölfeld tief unter dem Meeresboden ist mit fast einer Billion Litern so riesig, dass selbst wenn nur 15 Prozent ausrinnen würde, das Öl etwa noch 400 Jahre weiter aus dem Bohrloch sprudeln würde. DEenn etwa bis zu 15 Prozent des in einem Ölfeld vorhandenen Öls sprudeln nach dem Anbohren von selbst an die Oberfläche.

Top Kill, Top Flop

Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko gilt als eine der schwersten Umweltkatastrophen in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. In der Folge flossen biss jetzt fast 50 Millionen Liter ins Meer gelangt, wahrscheinlich sogar über drei Mal so viel als beim verunglückten Tanker Exxon Valdez 1989 in Alaska. Verschiedenste Maßnahmen wurden ergriffen, um die Ölpest zu stoppen. Diese Versuchen waren aber alle mehr oder weniger erfolglos: Abdichtversuche mit Hilfe von Tauchrobotern, Abfackeln des Ölteppichs, Einsatz von Chemikalien um das ausgelaufene Öl aufzulösen und Auffangen des Öls mit großen Stahlglocken. Große Hoffnung setze man auch darauf in ein Verfahren mit der Bezeichnung „Top Kill“, wobei das Leck mit Schlamm und Beton verstopft werden sollte. Aber der Öldruck war einfach zu groß und dieser Versuch musste auch aufgegeben werden. Wahrscheinlich hat es die ganze Situation noch verschlimmert, weil durch das Abschneiden des Rohrs das Bohrloch noch vergrößert wurde.

Top Cap, noch offen

Eine weitere Methode ist Top Cap, das aus dem Absägen des abgeknickten Steigrohrs im Meer und dem Aufsetzten eine kleine Stahlhaube zum Absaugen und zur Abdichtung des aussprudelnden Öls besteht. Diese Methode wurde zwar durchgeführt es wird aber noch einige Zeit dauern, bis man beurteilen könne, ob die Absaugglocke funktioniere und in welchem Ausmaß damit der Ölaustritt eingedämmt werden kann.

Bottom Kill, wird dauern

Die derzeitige Hoffnung setzt man aber in ein Verfahren namens „Bottom Kill“, bei der das leckgeschlagene Bohrloch mit zwei Entlastungsbohrungen vom Meeresgrund aus seitlich schräg angebohrt wird. Damit könnte das ursprüngliche Bohrloch entlastet werden, um dann gerade oberhalb des Oilreservoir sowohl das ursprüngliche Bohrloch als auch die beiden Entlastungsbohrungen mit Schlamm und Beton zu verschließen. Also eine ähnliche Methode wie bei Top Kill, nur weiter unten. Das hat bei einem früheren Ölaustritt im Golf von Mexiko nach der Havarie einer Ölplattform schon einmal funktioniert. Das Problem ist nur, dass diese Entlastungsbohrung zumindest bis August dauern wird und in der Zwischenzeit das Öl weiter munter ins Meer sprudelt. Und es gibt natürlich auch bei dieser Methode keine Erfolgsgarantie.

Nuclear Kill, riskant

Eine andere Möglichkeit ist durch ein anderes seitlich schräg verlaufenden Bohrloch unter dem Meeresboden eine Atombombe einzuführen und zu zünden, um so das ursprüngliche Bohrloch zu verschließen. Dadurch würde das Bohrloch durch die Gestenszertrümmerung verstopft und durch die große Hitze sogar versiegelt. In vier von insgesamt fünf Fällen waren solche Atombombenexplosion zur Auslöschung unkontrollierter Erdgasausbrüche in der ehemaligen Sowjetunion auch erfolgreich. Allerdings waren das alles Bohrlöcher auf der Erdoberfläche und nicht am Meeresgrund. Bis jetzt wird die nukleare Option dezidiert von den U.S.A. ausgeschlossen. Aber wenn Bottom Kill auch noch versagt, wer weiß?

Links

Spiegel Online: "Bottom Kill" unter dem Meer N.Y. Times: Nuclear Option on Gulf Oil Spill? No Way, U.S. Says
N.Y. Times: No Surprise: U.S. Rejects Nuclear Option for Gulf Oil Gusher

Rechnungen

Größe des Tiber-Ölfelds: 5.10hoch(9) Barrel = 8.10hoch(11) Liter
15% davon: 1,2.10hoch(11) Liter
Austrittsmenge pro Monat: 2,5.10hoch(7) Liter
Dauer des Austritts: 1,2.10hoch(11)/2,5.10hoch(7) Liter = 4800 Monate = 400 Jahre